Kommunikationstraining für den Arzt

In der hervorragenden Studie von M. St. Pierre, “Äußern Assistenzärzte und Pflegekräfte sicherheitsrelevante Bedenken?” erschienen im Anästhesisten Sept. 2012, zeigt er, wie eine steile Hierarchie und der damit verbundene Autoritätsgradient Patienten gefährdet.

Was hatten sie gemacht?

In einem Simulator-Kurs mit 59 Ärzten, wurde in einem Szenario der teilnehmende Oberarzt, der auch im richtigen Leben Oberarzt war, gebeten, hintereinander sieben Fehler in dem Simulation-Szenario zu begehen. Diese waren in der Schwere ansteigend und bei den letzten beiden, die auch nur durch offenes verbales äußern der Bedenken korrigiert werden konnten, forderte er den Assistenzarzt auf, eine in dieser Situation potentiell tödliche Medikamenten-Kombination zu spritzen. Das Szenario wurde noch damit verschärft, dass der Patient ein “Super VIP”, Vorstandsvorsitzender eines örtlich ansässigen Unternehmens, sei und lange persönlich auf Du und Du mit dem eigenen Chef.

Der Oberarzt war angewiesen, bei jedem Fehler der angesprochen wurde, aufgrund der Deutlichkeit der Kommunikation zu entscheiden, ob er weiter macht oder sich korrigiert. Wenn ein Fehler deutlich angesprochen wurde, sollte er sich bedanken und sein Handeln korrigieren, dann allerdings mit dem nächsten Fehler weiter machen.

Von den Problemen, die nur durch eine verbale Intervention aufgelöst werden konnten wurden zwar 60 % identifiziert, allerdings nur in 28% davon auch angesprochen und dabei nur in 40 % als deutliches Ansprechen. Ansonsten wurden nur Andeutungen gemacht oder allgemein das Problem benannt ohne konkret zu werden.

Dadurch kam es nur in weniger als 10% (!) zu einer erfolgreichen Intervention.

Konkret bedeutet das, dass in über 90% ein potentiell tödliches Medikament gespritzt wurde, wenn vom Oberarzt so angeordnet! 

Im Debriefing nach Gründen für das Schweigen befragt, konnten

  • 37% keine Angabe machen, warum sie geschwiegen hatten
  • 35% wollten den Konflikt nicht ansprechen
  • 23% nahmen den Konflikt war, wollten ihn aber nicht auflösen (Verwunderung)
  • 12% aufgrund der Autorität des Oberarztes (Autoritätsgradient) “Wenn er das anordnet, ist das für mich erledigt” Hier gab es auch die Aussage, des blinden Vertrauens “Er hat noch nie einen Fehler gemacht”
  • 8% mit der Erfahrung, dass Oberärzte sich häufig nicht an SOP´s halten
  • 6% weil sie sich nicht zuständig gefühlt hatten und nur 2% weil sie nicht wussten wie sie den Konflikt hätten ansprechen sollen (Sprachlosigkeit)

Besonders interessant ist hierbei, dass nicht unbedingt die Angst vor Blosstellung der Assistenzärzte der alleinige treibenden Faktor war, sondern, dass auch gerade die Oberärzte die als besonders gut gelten, sozusagen von ihrem Team im Stich gelassen werden, da Ihre Entscheidungen nicht angezweifelt werden. Andererseits wird teilweise vielerorts noch die Auffassung vertreten, dass Untergeordnete die Kompetenz von Vorgesetzten nicht infrage stellen sollten. In einer anderen Untersuchung äußerten sich 25% der Anästhesie-Oberärzte und 40% der Chirurgischen Oberärzte so. In der gleichen Untersuchung vertraten nur 2% der Piloten diese Meinung. Wir sind in der Medizin der Fliegerei hierbei ca. 20 Jahre hinterher. Wir wissen inzwischen, dass wir ein Problem haben, sind aber noch Jahre davon entfernt eine Kommunikation- und Sicherheitskultur wie in der Luftfahrt zu entwickeln.

Mark Weinert
www.drweinert.com